Beweisbild oder Fake News?

Beweisbild oder Fake News?

Radiologische Untersuchungen bei nicht-spezifischen Rückenschmerzen schüren Ängste und verunsichern die Patienten. Altersentsprechende, „gewöhnliche“ Abnützungen ohne Link zu klinischen Symptomen führen missverständlich zu Verzweiflung, mehr Schmerzen und noch grösseren Einschränkung aufgrund von Angst und Schonverhalten. Der Glaube, dass die Wirbelsäule „kaputt“ oder „verletzlich“ sei, unterstützt zudem einen vermeidbaren Chronifizierungsprozess.

Wir glauben was wir sehen

Wollen wir glauben was wir sehen? Manchmal ja. Eine willkommene Erklärung für den Schmerz kann so ein Bild ja sein. Oder eine Entschuldigung, sich nicht mehr bewegen zu müssen. Das lebenslange Urteil einer „krummen“ Wirbelsäule, Gelenke wo „Knochen auf Knochen“ reiben oder Bandscheiben, die keine Flüssigkeit mehr enthalten oder „herausgesprungen“ sind. Sehnen und Gelenke, die dafür entzündliche Flüssigkeit enthalten und so Bewegung verbieten, ja sogar derentwegen noch angereichert würde. Da sollte doch Entspannung angeordnet werden?!

Was passiert, wenn einem Patienten, der aufgrund von Schmerzen im Schulter-Nacken-Bereich in einer gebückten Schonhaltung verharrt ein Bild seiner von Arthrose «zerfressenen» Halswirbelsäule gezeigt wird? Bewegt er sich nun mehr oder weniger? Hängt das davon ab, ob der Arzt ihn zum einen oder anderen ermuntert, bzw. über den Zusammenhang von Arthrose, Bewegung, Degeneration und Schmerz aufklärt? Und ist Bewegung nun gut oder schlecht? Wieder eine andere Frage. Grundsätzlich bildet ein MRI, CT oder Röntgen nur einen einzigen Moment aus einer einzigen Perspektive ab. Und Schmerz sieht man nicht am Bewegungsapparat. Man sieht, wie die Struktur aussieht. Das ist alles. Aber ob das weh tut?

Eine Momentaufnahme

Entgegen des primären Ziels, die Patienten mittels radiologischer Untersuchungen zu beruhigen und beschwichtigen, können Unsicherheiten und Ängste aufgrund (zufällig) entdeckter Abnützungserscheinungen verstärkt werden. Erhöhte oder prolongierte Einschränkungen z.B. durch nicht-spezifische Rückenschmerzen werden mit bildgebenden Untersuchungen der Wirbelsäule assoziiert. Erhöhte Gesundheitskosten, längere Phasen von Arbeitsunfähigkeit und reduziertes Wohlbefinden sind Konsequenzen einer nicht indizierten Bildgebung (Graves et al., 2012).

Eine mögliche Erklärung wäre, dass gewöhnliche, altersentsprechend degenerative Merkmale, die keine Beschwerden auslösen für die Betroffenen erst im Moment der Bildaufnahme real werden. Die eigene Vergänglichkeit wird bewusst und das verunsichert. Wie sich in der Arbeit von Modic et al. (2005) herauskristallisierte, haben bildgebende Untersuchungen bei Patienten mit akuten Rückenschmerzen keinen signifikanten Einfluss auf den Genesungsverlauf oder das konservative Behandlungsresultat. Obwohl bei 60% der Probanden eine Diskushernie festgestellt wurde, konnte kein Zusammenhang zwischen Grösse oder Typ der Hernie und dem Symptomverhalten oder dem Outcome gefunden werden. Diejenigen, die von ihren Befunden erfuhren, schätzten ihr Wohlbefinden im Gegensatz zur verblindeten Gruppe tendenziell sogar schlechter ein. Brinjikji und Kollegen (2015) unterstützen dieses Ergebnis mit der Aussage, dass schon bei beschwerdefreien 20-jährigen bereits bei 37% eine Diskusdegeneration festgestellt werden kann. Und dieser Anteil wächst mit jedem Lebensjahr deutlich (96% bei asymptomatischen 80-jährigen).

Ich habe heute leider kein Bild für Sie

Was heisst das nun für die Praxis? Ist es nötig, eine radiologische Untersuchung anzuordnen, wenn der Befund weder auf das subjektive Empfinden des Patienten noch auf den Genesungs- und Reha-Verlauf oder das Outcome einen signifikanten Einfluss übt und keine Red Flags vorliegen?

Therapeuten haben die Möglichkeit auf- und erklärend zu wirken. Ob schlussendlich ein bildgebendes Verfahren eingeleitet wird, entscheidet der Arzt gemeinsam mit dem Patienten. Aber wenn dieser Entscheid fällt, soll er bewusst getroffen werden. Im Anschluss wäre es schön, wenn man als Therapeut ebendiese Ängste relativieren oder nehmen, mit Mythen aufräumen und mit einem aufgeklärten Patienten das optimale Behandlungsresultat anpeilen könnte. Denn wie Darlow und Kollegen in ihrem Review (2011) feststellten, spiegelt sich die Überzeugung und die Haltung der betreuenden Fachperson in jenen der Patienten wider.

Radiologie in der Praxis erklärt

Die Bildinterpretation und Aufklärung radiologischer Befunde liegt klar in der Fachkompetenz der Mediziner. Tatsache ist, dass Patienten bei einem Erstbefund z.B. in der Physio-, Osteo- oder Ergotherapie häufig Fragen zu diesen Befunden stellen. In der Fachkompetenz der qualifizierten Therapeuten sollte es somit liegen, unsere Patienten beim Verstehen der ärztlichen Beurteilung zu unterstützen und ihnen die Konsequenzen – wenn es denn welche gibt – für den weiteren Therapieverlauf aufzeigen zu können.

Ist der Unterschied zwischen MRI, Röntgen und. CT noch nicht ganz klar? Am 25. Mai 2019 gibt’s Unterstützung in Zürich –Thomas Nickl wird in einem Tagesseminar die verschiedenen Techniken dieser Momentaufnahmen auseinandernehmen und hoffentlich einen dauerhaften Eindruck hinterlassen.

Tickets & Infos hier

 

Literatur

Brinkjikji, W. et al. (2015). Systematic literature review of imaging features of spinal degeneration in asymptomatic populations. AJNR American Journal of Neuroradiology; 36(4): 811-816.

Darlow, B., Fullen, B.M., Dean, S., Hurley, D.A., Baxter, G.D. & Dowell, A. (The association between health care professional attitudes and beliefs and the attitudes and beliefs, clinical management, and outcomes of patients with low back pain: A systematic review. European Journal of Pain; 16: 3-17.

Graves, J.M., Fulton-Kehoe, D., Jarvik, J.G. & Franklin, G.M. (2012). Early imaging for acute low back pain: one-year health and disability outcomes among Washington State workers. Spine (Phila Pa 1976); 37(18): 1617-1627.

Karran, E.L., Yau, Y., Hiller, S.L. & Moseley, G.L. (2018). The reassuring potential of spinal imaging results: development and testing of a brief, psycho-education intervention for patients attending secondary care. European Spine Journal; 27(1): 101-108.

Modic, M.T. et al. (2005). Acute Low Back Pain and Radiculopathy: MR Imaging Findings and Their Prognostic Role and Effect on Outcome. Radiology; 237(2): 597-604.

Svanbergsson, G., Ingvarsson, T. & Arnardottir, R.H. (2017). MRI for diagnosis of low back pain: Usability, association with symptoms and influence on treatment. Laeknabladid; 103(1):17-22.

2019-04-22T10:32:32+00:00