„Evidenz“: Nur eine weitere kurzweilige Episode in der Physiotherapie?

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„Evidenz“: Nur eine weitere kurzweilige Episode in der Physiotherapie?

Was hat es eigentlich mit dieser „Evidenz“ bzw. der „evidence based practice (EBM) auf sich? Was kann evidenzbasiertes Arbeiten, wo liegen die Chancen aber auch die Grenzen? Worauf ist zu achten und wie wenden wir evidenzbasiertes Arbeiten in der Therapie an?

„Evidenzbasierte Medizin“ oder evidence based practice wird durch Sackett et al. (2007) folgendermassen definiert: „[Der] gewissenhafte, ausdrückliche und umsichtige Gebrauch der aktuell besten Beweise für Entscheidungen in der Versorgung eines individuellen Patienten“.

Gehen wir dieses riesige Thema mal ganz „physiotypisch“ an. Zählen wir also erstmal auf, warum die Umsetzung vielleicht bei anderen funktioniert, aber ganz sicher nicht bei mir/ uns…

Als bekannteste Barrieren für die Umsetzung von evidenzbasierter Arbeit in der Praxis gelten:

  • Zeit: Kaum Zeit im therapeutischen Alltag. Ist es tatsächlich so, oder in Wirklichkeit nur vorgeschoben? Haben wir echt keine Zeit oder, provokativ gefragt, eher keine Lust und zu wenig Fleiss unser Hirn zu nutzen?
  • Unwissen/Wissenslücken: Fehlendes Wissen über Zugang zu Literatur (wo und wie finde ich die Informationen) und fehlendes Wissen zur Bewertung von Studienergebnissen sind ein weit verbreitetes Problem, was sich grundsätzlich sehr schnell und kostengünstig lösen lassen könnte.
  • Menge an Informationen: Die schiere Anzahl/Vielzahl an Studienergebnissen kann uns überfordern, vielleicht sogar gefühlt erschlagen. Daher ist es wichtig zu wissen, wie wir sie filtern und entsprechend für uns nutzen können.
  • Abhängigkeit: Eine Abhängigkeit von dem Interpretationswillen bzw. -können Dritter ist ungünstig. Selbständiges Arbeiten sollte sich durch selbständiges Verstehen, Bewerten, Interpretieren und die anschliessende therapeutische Umsetzung auszeichnen. Jede/r Therapeut/in sollte in der Lage sein, sich seine/ihre eigene und unabhängige Meinung zu aktuellen Studienergebnissen machen zu können. Ansonsten passiert wieder das, was unseren Beruf seit Jahrzehnten als Geisel hält. Wir machen uns abhängig von vermeintlichen Gurus. Einmal mehr. Modernes und selbständiges Arbeiten geht anders. Es geht besser.
  • Ignoranz/Angst/Ärger: Falsches Verständnis von Forschung und professioneller Entwicklung, oft verbunden mit Angst vor Veränderung und Überforderung bei gleichzeitig subjektiv empfundenem fehlenden Respekt vor der bisherigen Arbeitsleistung, durch akademisierte Kolleginnen und Kollegen und deren teilweise doch ausbaufähige Sozialkompetenz Einzelner (->„Wir hatten damit immer schon Erfolg“, „wir haben das schon immer so gemacht“, „deswegen zahlt mir die Kasse auch nicht mehr“, „die arroganten Studenten haben noch keine zwei Jahre gearbeitet wissen aber schon jetzt alles besser“ etc.;).

Vorsicht, liebe Kollegen! Jetzt wird es streckenweise positiv! Wer das nicht erträgt, sollte hier aufhören zu lesen. Die Mutigen treten bitte vor…

Was zeichnet eine „evidenzbasierte“ Arbeitsweise aus und wie könnte sie sogar finanziell lukrativ sein?

  • Fehlerreduktion: Evidence based practice vermindert die Gefahr von Schädigung durch den Einbezug aktuellster wissenschaftlicher Erkenntnisse in Anamnese, Befund und Therapie.
  • Besseres Outcome: Die Chance auf einen Behandlungserfolg, durch die Nutzung in ihrer Wirksamkeit nachgewiesener Therapiemethoden bzw. Trainingskonzepte wird erhöht.
  • Ethisch angebracht: Aus ethischer Sicht ist evidenbasiertes Arbeiten zwingend angebracht, da der Patient nach bestem aktuellen Wissen behandelt wird. Die gute alte Frage gilt: Therapierst Du Deine Patienten immer so, wie Du selber behandelt werden möchtest?
  • Zeitgemässes Patientenmanagement: Die Kommunikation mit dem Patienten wird einfacher bzw. die Therapie für den Patienten transparenter. Du kannst erstmalig wirklich belegen, warum Du diese und jene Herangehensweise in der Therapie wählst. Patienten schätzen das.
  • Kompetenz durch „Mut zur Lücke“: Wir müssen nicht immer alles wissen, aber sollten bei Bedarf parat sein, uns entsprechend zu informieren.
  • Abgrenzung: Evidenzbasiertes Arbeiten kann den Unterschied zu anderen Berufsgruppen, wie Osteopathen, Masseuren und Fitnesstrainern machen.
  • Alleinstellungsmerkmal/USP: Unsere Therapie gegenüber Zuweisern und Kostenträgern wird gerechtfertigt, sorgt so momentan noch für ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Physiotherapiepraxen und kann weiter ein Argument für eine entsprechende Preisgestaltung im Selbstzahlerbereich sein.
  • Professionalisierung: Ohne EBP wird und sollte es keinen Direct Access geben
  • Ersparnis von Ärger und Zeit: Wenn ich weiss, wie und wo ich mir meine Infos holen kann, entfällt so manch unnötige und oftmals teure Fortbildung. Ich kann es mir erlauben, nur noch qualitative Veranstaltungen zu besuchen, deren Wert ich selber gegenprüfen kann.
  • Unabhängigkeit: Ich mache mich unabhängiger von der Interpretation Dritter durch die selbständige Suche und Interpretation aktueller Wissenschaft.

Wie läuft der Prozess EBP („evidence based practice“) ab?

  1. Konvertierung von Informationsbedürfnissen in beantwortbare, klinische Fragen, Background und Foreground-Fragen, aufgebaut nach dem sogenannten PICO Prinzip (Population/Patient, Intervention, Comparison/Control, Outcome;)
  2. Auffinden der qualitativ besten Evidenz, mit der diese Fragen beantwortet werden können
  3. Kritische Bewertung der Evidenz auf ihre Gültigkeit, Wirksamkeit und Anwendungsfähigkeit (Erlaubt das System es, ist es praktikabel etc.)
  4. Integration der Evidenz mit klinischem Fachwissen und mit den individuellen biologischen Faktoren, Wertvorstellungen und Umständen der Patienten
  5. Bewertung der Effektivität und Effizienz bei der Durchführung der Schritte 1-4 und der Suche nach Möglichkeiten, diese bei der nächsten Gelegenheit zu verbessern.

Anschliessend geht es um die Patientenpräferenzen, wo vollumfänglich über die Therapieoptionen aufgeklärt und die Wahl gegeben wird, die für sie stimmige Therapie auszusuchen. Es geht darum Wünsche und Vorstellungen zu eruieren und zu besprechen. Oftmals hören wir nur das, was unsere eigenen Überzeugungen und Theorien füttert, aber nicht das, was uns der Patient sagen will. Wir müssen besonders mit dem Anspruch der evidenzbasierten Praxis wieder lernen mehr zuzuhören.

Der Patient soll seine Probleme auf Augenhöhe mit uns besprechen können. Die Expertise des Therapeuten bleibt davon unberührt, die therapeutische Krone vollzackig und wird zukünftig von den Patienten hoffentlich noch strahlender und beeindruckender wahrgenommen. 😉

Also… was nun?

Machen wir uns nichts vor: Evidenzbasiertes Arbeiten ist besonders am Anfang aufwendig und anstrengend. Es erfordert mehr Einsatz als andere Therapieansätze. Dafür ist diese Vorgehensweise ethisch vertretbar, therapeutisch befriedigend, motivierend und steigert deutlich die eigenen therapeutischen Kompetenzen.

Was macht EBP mit unserem Beruf?

Ist dieses Thema nur eine momentane Mode oder steckt mehr dahinter? Die berufspolitischen Diskussionen zeigen deutlich, wohin der Weg geht und was passiert, wenn wir uns nicht schleunigst mit diesem Thema seriös auseinandersetzen.

Wir sollten der Evidenz unsere Aufmerksamkeit widmen und den dringend notwendigen Platz in unserem Therapiemanagement einräumen.

Immer mehr Kolleginnen und Kollegen wählen den Weg der Akademisierung, ein durchweg sehr positives Signal. Wenngleich es auch an vielen Hochschulen im deutschsprachigen Raum qualitativ immer noch deutlich Luft nach oben hat. Trotz so mancher Defizite, ist die flächendeckende Akademisierung aber der richtige Weg und es ist davon auszugehen, dass die EBP deutlich mehr ist, als nur eine Modeerscheinung von ein paar „Physiohipstern“.

Es zeigt die vermutlich einzig sinnvolle Zukunft unseres Berufes und den Weg zu einem besseren Standing im medizinischen Bereich auf. EBP kann zu einem immens wichtigen Argument für eine bessere Vergütung werden, wenn die Berufsverbände das Potential und die Möglichkeiten erkennen, welche sich da- hinter verstecken und nicht weiterhin ihr eigenes lukratives Zertifikatesüppchen kochen würden.

Eines sollten wir aber nicht vergessen, schlichtweg zur Seite schieben oder unterschätzen:

Wir müssen, aller teilweise auftretenden Schwierigkeiten zum Trotz, auch die nicht-akademisierten Kollegen in das therapeutische Boot holen! Nur mit vereinten Kräften können wir den festgefahrenen Wagen Physiotherapie aus dem Dreck ziehen.

Das geht nur mit Respekt, Kommunikation auf Augenhöhe, durch die Anerkennung von Ängsten und Vorbehalten und immer wiederkehrender Erklärungen über EBM. Nur dann haben wir eine Chance unseren Beruf in einem überschaubaren Zeitfenster dorthin zu bringen, wo er verdient hat zu stehen. Gewiss sind noch dicke Bretter zu bohren, aber der Vorschlaghammer allein hilft da wenig. Es braucht Zeit, aber es kann sich lohnen.

Was denkst Du über EBP? Wir sind gespannt auf Deine Meinung!

Hast Du vielleicht sogar Lust bekommen, mehr zu diesem spannenden Thema zu erfahren?

Dann bist Du herzlich eingeladen, auf www.science2practice.ch zu klicken und mehr über unser Angebot mit Daniel Riese und seinem „Research to practice“-Kurs vom 14.-15.03.2020 in Düsseldorf zu erfahren.

Deine Fragen zu unseren Veranstaltungen stellst Du am besten direkt an science2practice. Wir würden uns freuen von Dir zu hören!

2019-12-19T08:24:54+01:00