Was darf eine Behandlung via Video-Call wert sein?

/, Ergotherapie, Osteopathie, Physiotherapie, science2practice Vision/Was darf eine Behandlung via Video-Call wert sein?

Was darf eine Behandlung via Video-Call wert sein?

Die Publikation des Faktenblattes des BAG hat mir einige Fragezeichen auf die Stirn gemalt. Geht es anderen Physiotherapeuten auch so?

Wir befinden uns in einer Krise, ok. Physios dürfen nur noch «Patienten mit medizinischer Dringlichkeit behandeln» und es ist dabei «die gleiche Behandlungsqualität wie bei einem direkten physischen Kontakt mit den Patientinnen und Patienten sicherzustellen“. Somit sollten sich für die über Video behandelte Person keinerlei Nachteile im Vergleich zur Therapie in der Praxis ergeben, oder?

Weiter schreibt das BAG in Bezug auf die Videobehandlungen: „Leistungen der Physiotherapie, die auf räumliche Distanz erbracht werden können, beschränken sich auf Massnahmen der Beratung und Instruktion“. Eine Gelegenheit, um bereits den Blick auf die Zeit nach der Corona-Krise zu werfen? Schätzungsweise 80-90% der physiotherapeutischen Behandlungen im ambulanten Bereich könnten somit theoretisch per Video-Call durchgeführt werden, nicht?

Denn ich stimme dem BAG zu, in einem Video-Call kann ich einen Patienten wunderbar in seinen Übungen instruieren, korrigieren und zu seinem Problem beraten. Klar ist es schöner, wenn man sich die Hände schütteln darf, und ganz alle Interventionen funktionieren über die räumliche Distanz natürlich nicht. Aber die Behandlungsqualität soll ja in der aktuellen Krise gewährleistet bleiben und muss auch aus meiner Sicht durch die physische Distanz nicht unbedingt leiden.

Was kostet UNS THERAPEUTEN die Video-Behandlung?

Den Tarif, welche die Physiotherapeuten nun für die Videobehandlung abrechnen dürfen, beträgt weniger als die Hälfte des regulären Sitzungstarifs (7340 Medizinische Trainingstherapie anstelle 7301 Einzelsitzungspauschale). Zu betonen gilt es, dass es sich bei diesen Patienten ja um jene «mit medizinischer Dringlichkeit» handelt. Ich bin überzeugt, dass die Physiotherapeuten diese Menschen auch ohne Eid und trotz einer Entschädigung, die unter 50% der bescheidenen Norm liegt, wenn irgendwie möglich, weiterbehandeln.

Appelliert das BAG hier an uns Gutmenschen? Denn mit dieser Vergütung muss ich mir schon überlegen, ob ich meine Zeit während der Krise nicht besser in etwas anderes als die Betreuung von «Patienten mit medizinischer Dringlichkeit» investiere? Einfach nur schon, weil es sich überhaupt nicht lohnt? Obwohl, unter dem MTT-Tarif müsste ich als Therapeut ja eigentlich nur die Kamera einstellen und könnte mehrere Patienten gleichzeitig trainieren lassen? Aber das ist ja wohl auch nicht die Idee… Oder?

Für mich als Therapeutin ergibt sich für die Videobehandlung genau der gleiche Aufwand:

  • 5-10min kostenloses einlesen & vorbereiten der Behandlung
  • 30min Behandlung durchführen
  • 5-15min kostenloses dokumentieren und allfällige Assessments auswerten
  • 5-20min Anfertigen/Anpassen (auch wieder kostenlos natürlich) eines neuen Heimprogramms und dessen Versand an den Patienten

Da frag ich mich schon, ob das mit einer MTT-Session mit 22 Taxpunkten vergleichbar ist…

Notnagel oder Chance?

Wenn wir nochmals zurückkommen auf «die Zeit nach der Krise»: Wäre es nicht eine Idee, einen neuen Tarif «Videobehandlung» anzugehen? Mit fairer Entschädigung? Die ausnahmslose Regel sollte diese Form der Fernbehandlung nicht werden, aber ich kann mir gut vorstellen, dass sehr viele Patienten froh wären, in einer fortgeschrittenen Phase ihrer Reha, bei guter Compliance und zufrieden stellendem Verlauf, nicht wöchentlich (mehrmals) in die Praxis reisen zu müssen, sondern von zu Hause aus gecoached werden könnten. Oder auch bei längerer Ferienabwesenheit. Die reisefreudigen Millenials würden es bestimmt schätzen, die Beratung beim Physio ihres Vertrauens in Anspruch nehmen zu können – auch vom anderen Ende der Welt aus.

Die Videobehandlung würde aus meiner Sicht die Selbstverantwortung der Patienten stärken und der (manuellen) Abhängigkeiten zum Therapeuten vorbeugen. (z.B. Fr. H. die schon die 27. Verordnung wegen Nackenschmerzen bekommt, weil sie nicht bereit ist, etwas für die Verbesserung ihrer Situation beizutragen.)

Aber da wäre ein separater Tarif für Videotherapie schon sinnvoll, nicht? Und einer, der nicht noch weniger als die Hälfte des Standardtarifs ausmacht, wäre irgendwie auch schön. Gerade, da ja «die gleiche Behandlungsqualität wie bei einem direkten physischen Kontakt mit den Patientinnen und Patienten sicherzustellen» wäre.

Naja, ein Denkanstoss, der vielleicht bis in nächsten Tarifverhandlungen rollt. Und vielleicht auch mal etwas Zusätzliches ins Rollen bringt in der Physiotherapie.

Denn mittlerweile frag ich mich schon, weshalb die Ergotherapeuten und Logopäden (mit bewundernswertem Verhandlungsgeschick?) ihren Tarif «pro Sitzung und Tag zweimal abrechnen» dürfen, die Physio-Schafe aber nicht? Was so ein Faktenblatt nicht alles für Fragen aufwirft…

Gemeinsam sind wir osterhasenstark!

Ich wünsche mir sehr, dass sich die Physiotherapie in absehbarer Zeit aus dem Sumpf kämpft, wo sie sich seit Jahrzehnten nicht vom Fleck bewegt.

Mit science2practice versuchen wir einen Betrag zur evidenzbasierten (Physio-)Therapie zu leisten und im selben Zuge auch zum kritischen Hinterfragen vom aktuellen Gesundheitssystem anzuregen und konstruktive (interdisziplinäre) Diskussionen zu unterstützen.

Denn auch bei Tarifverhandlungen ist faktenbasiertes Argumentieren unerlässlich. Und die Wissenschaft liefert diese Fakten. Die Erfahrung alleine, was dem letzten Patienten wohlgetan hat, nützt leider nicht viel wenn’s darum geht, die Position der Physiotherapie zu stärken.

Was ist eure Meinung zum Thema Therapie über Video-Call? Was denken andere Disziplinen darüber? Wir sind gespannt!

Frohe Ostern und herzliche Grüsse

Pascale & David

2020-04-10T15:54:15+02:00