Zeitumstellung – Die innere Uhr wird auf den Kopf gestellt

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Zeitumstellung – Die innere Uhr wird auf den Kopf gestellt

Strotzend vor Energie und ohne Augenringe sind wir in die Woche gestartet. Zeitumstellung sei Dank, eine Stunde Schlaf gab’s diesen Sonntag gratis oben drauf. Und habt Ihr auch das Kleingedruckte gelesen?

Warum wir an der Uhr drehen

Seit knapp 40 Jahren stellen wir in der Schweiz die Uhr im Frühling eine Stunde vor und im Herbst wieder eine Umdrehung zurück. Und dies, obwohl sich die Schweizer Bevölkerung 1978 gegen die Sommerzeit ausgesprochen hatte. Nach drei Jahren Zeitinsel hatten die Eidgenossen jedoch genug von den Schwierigkeiten im internationalen Verkehr, der Reisebranche oder der Kommunikation. Man beschloss 1981 sich den umliegenden Staaten anzuschliessen.

Wer hat’s erfunden?

Benjamin Franklin schlug in seinem satirischen Essay 1784 im Journal de Paris vor, die Schlafzeit um eine Stunde zu verlegen um Geld für Kerzen und Lampen-Öl zu sparen, beziehungsweise die Pariser früher aus den Betten zu holen. Von einer konkreten Zeitumstellung war aber noch keine Rede.

Gut 100 Jahre später kämpfte der neuseeländische Insektenforscher George Vernon Hudson für die energie- und kostensparende Idee der Zeitumstellung. Er plädierte für lange Sommerabende, um mehr Licht in die Käferwelt zu bringen. Doch erst im Jahre 1907 wurde es ernst und Kanada führte als erste Nation die saisonale Zeitumstellung ein.

Auch in Europa werden die Uhren mittlerweile jeweils in der letzten März- und Oktoberwoche eine Stunde vor- respektive zurückgedreht um einen grösseren Anteil Tageslicht nutzen zu können. Gepusht wurde dieser Entscheid während dem 1. Weltkrieg.

Aktuell diskutiert die EU über eine Einführung der „ewigen Sommerzeit“ und somit der Abschaffung der halbjährlichen Zeitumstellung. Die langen Sommerabende würden uns so erhalten bleiben. Finnland proklamierte vor einigen Monaten, dass durch die Zeitumstellung ein negativer Effekt auf die menschliche Gesundheit befürchtet wird.

Winston Churchill äusserte sich 1934 noch ungemein positiv zur Thematik Zeitumstellung: „…[this great reform] enlarge[s] the opportunities for the pursuit of health and happiness among the millions of people who live in this country.“ Was ist nun dran an Finnlands Bedenken?

…ist es wirklich schon so spät?

Seit über 4 Milliarden Jahren existiert der Zirkadiane-Rhythmus, auch Biorhythmus genannt, welcher die Entstehung der inneren Uhr in den meisten Organismen vom Bakterium bis zum Menschen hervorbrachte. Diese „Master Clock“ verfügt über einen genetisch vorgegebenen Zyklus von ungefähr 24 Stunden, liegt im Hypothalamus und zählt ca. 20’000 Neuronen. Tag für Tag muss sie auf den exakten 24-Stunden-Rhythmus kalibriert werden. Dabei ist das Umgebungslicht bzw. der Übergang von Dunkel zu Hell der stärkste Zeitgeber.

Der Biorhythmus tanzt aus der Reihe

Sonnenlicht beeinflusst den physiologischen Schlaf-Wach-Rhythmus und somit die durch die „Master Clock“ gesteuerten Prozesse. Hormonausschüttung, motorische Aktivitäten, das Ess- und Trinkverhalten, die Körperkerntemperatur sowie der Stoffwechsel im Herzen sind nur einige davon.

Schlaf-Wach-Rhythmus

Die Zeitumstellung verursacht eine Störung unseres Biorhythmus. In den ersten Tagen führt dies bei einigen Menschen zu vermehrter Müdigkeit, Kopfschmerzen, Konzentrationsschwierigkeiten oder verminderter Motivation – vergleichbar mit einem Jetlag. Ein relativ kleines Übel. Das Gedrehe an der Uhr kann aber auch ernsthafte gesundheitliche Konsequenzen haben. Beispielsweise wird ein vermehrtes Auftreten von Herzinfarkten am Montag nach der Frühlingsumstellung beobachtet. Bluthochdruck und erhöhte Herzfrequenz während der Schlafphase sind mögliche zugrundeliegende Mechanismen.

 

In der Nacht erholt sich Körper und Gehirn. Es wird repariert, entrümpelt und sortiert. Die Haare, Nägel und Knochen wachsen nach, Muskeln erholen sich, Fettstoffwechsel und Immunsystem werden reguliert. Diese Prozesse benötigen Zeit. Gerade während der Rehabilitation oder in einer intensiven Trainingsphase, die „an die Substanz geht“, nicht zu unterschätzen.

Wenn im Frühling der Wecker eine Stunde früher schellt, befindet sich der Körper noch im Dämmerzustand. Der Blutdruck und das Aktivitätslevel sind tief. Dämmerungsabhängige Abläufe,  wie die Ausschüttung von Schlaf-Wach-Hormonen oder die Regulation der Muskelspannung, werden ebenfalls durcheinander gebracht. In der Woche nach der Zeitumstellung wird im Schnitt pro Nacht 32-40 Minuten weniger geschlafen.

Eine Störung der natürlichen Abfolge der Schlafphasen kann die körperliche und geistige Regeneration beeinträchtigen. Wer zu wenig schläft lebt ungesünder. Therapie- und Trainingsreize können nicht effizient verarbeitet und umgesetzt werden.  Kürzlich erschienene Studien zeigen, wer weniger als  als 6 Stunden pro Nacht schläft, ein höheres Risiko für Bluthochdruck (17%), Diabetes Mellitus (37%), Übergewicht (38%), koronare Herzkrankheit (26%) und sogar Sterblichkeit aufweist.

Löst die Zeitumstellung nun Herzinfarkte aus?

Laut neusten Erkenntnissen besteht eine Verbindung zwischen der Zeitumstellung und einem moderaten Anstieg von akuten myokardialen Infarkten. Vor allem in der ersten Woche nach der Frühlingsumstellung und vor allem am Montag. Mehrere Studien in Europa und den USA zeigen einen Risikoanstieg von 4 bis 29%. Ein kausaler Zusammenhang ist allerdings nicht wasserdicht geklärt.

Mit einem durchschnittlichen Schlafdefizit von 32-40 Minuten pro nachfolgender Nacht bringt die Zeitumstellung unsere innere Uhr aus dem Gleichgewicht. Da Schlafmangel Motivation und Aufmerksamkeit reduziert, erhöht die Frühlingsumstellung möglicherweise die Anzahl Arbeitsunfälle in den nachfolgenden Tagen. Dennoch sprechen einige Punkte für die saisonale Zeitumstellung. Nachfolgend einige Argumente im Direktvergleich:

Pro und Kontra der Zeitumstellung

Damit in einem halben Jahr alles rund läuft, zwei praktische Tipps für die kommende Frühlingsumstellung:

  • Die Bettzeit schon einige Tage vor der Zeitumstellung leicht nach vorne schieben → reduziert den Schlafmangel und verbessert die physische und psychische Regenerationsfähigkeit
  • Das Abendessen bereits eine Woche davor eine halbe Stunde früher einnehmen → die innere Uhr kann sich einfacher anpassen.

Zu beachten gilt es die allenfalls reduzierte Regenerations – und Leistungsfähigkeit sowie gesteigerter Müdigkeit in Therapie und Training in der Woche nach der Uhrumstellung. Somit eignet sich in diesem Zeitraum die frühzeitige Planung von leichten Trainingseinheiten mit längeren Erholungsphasen.

Und wer weiss, vielleicht hat es sich schon bald ausgedreht und ist die Zeitumstellung ist Geschichte.

Weitere Links

Einen anregenden Artikel zu einem unterschätzten Risiko der Zeitumstellung findet Ihr hier.

Und wer genauer wissen möchte, wie die Pflanzen wissen, wann es Zeit zum Blühen ist, sollte einen Blick in diesen TED-Ed werfen:

 

Literatur

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2018-11-01T21:26:07+00:00